Berlin, Ankara (AA) – Die radikale Streichung der nächsten Ausstrahlung von „Neo Magazin Royale“ war der erste Schritt. Was folgte war ein medialer Scoop, den man Jan Böhmermann in dieser Konsequenz nie und nimmer zugetraut hätte. Einiges ja, aber ein derartiges Angebot übersteigt doch jedwede menschliche Vorstellungskraft. Über seine Agentur die WTF GmbH ließ er verlautbaren, dass es jetzt Zeit ist Nägel mit Köpfen zu machen und dieser unsäglichen, deutschlandweiten Diskussion, was nun Satire oder was Schmähung oder gar Beleidigung sei, ein Ende zu bereiten. Daher verzichtet er ab sofort vollständig auf die Unterstützung Muttis, des Auswärtigen Amts, auf Polizeischutz und ZDF, sogar auf Fake-Interviews mit dem Satiriker und Chef der Bildzeitung Kai Diekmann, sondern würde seine Belange künftig selbst – Mann gegen Mann und Auge in Auge – mit Präsident Erdogan austragen. In diesem Sinne und um dem Unrechtsstaat Türkei sowie seinem diktatorischen Präsidenten die Stirn zu bieten, ist er bereit sich selbst diesem menschenverachtenden System preiszugeben, komme was da wolle. Wow.
Sein Entschluss steht anscheinend fest und gefasst sieht er den Torturen, die da auf ihn zukommen mögen, entgegen. „Ich habe mich so gut es geht darauf vorbereitet. Unter anderem habe ich mehrmals den Film ‚Midnight Express‘ angeguckt, aber auch die ‚Flucht von Alcatraz‘ oder ‚Out of Sight‘. Gefängnisfilme noch und nöcher. Man hofft ja immer, dass es irgendwie gut ausgeht, aber auch einen Gefängnisausbruch sollte man nicht für unmöglich halten. Jedenfalls, ja, ich werde morgen in die Türkei fliegen und mich der türkischen Justiz stellen. Ich habe auch schon mein Schlussplädoyer vorbereitet und selbstverständlich schleudere ich Erdogan unsere allerheiligsten westlichen Werte um die Ohren mit Schillers Don Carlos im Finale: «Geben Sie Gedankenfreiheit, Sir!» Ach nö, das Sir lass‘ ich weg und da einen Sultan hinein zu extemporieren, das hat er wahrlich nicht verdient.“
„Selbstverständlich sehe ich mich gewissermaßen als Märtyrer. Aber unsere westlichen Werte werden andauernd von deren Märtyrern zugebombt. Jetzt wird es einfach Zeit, ihnen zu zeigen, welch große Dinge wahres christliches Märtyrertum zustande zu bringen in der Lage ist. Ich weiß, es wird die größte Herausforderung meines Lebens, aber mit Gottes Hilfe und der Power meiner Follower hoffe ich, diese Prüfung zu überstehen. Vielleicht gelingt es mir ja ab und zu per Kassiber Zwischenstände meiner Passion nach draußen zu schmuggeln und von türkischen Freunden aus dem Untergrund posten zu lassen.“
„Ich stelle mich allerdings nur unter der Bedingung, dass die Rechte der Kurden in der Türkei erheblich verbessert werden und dass ihr Führer Öcalan im Austausch mit mir umgehend aus dem Gefängnis entlassen wird.“ So Böhmermann weiter. Ob Recep das so schlucken wird, sei mal dahingestellt.
Nach solch großen Worten stellt sich uns die Frage, was treibt diesen Menschen um? Warum macht er sowas? Ist es das eigene Sendungsbewusstsein? Will er berühmt sein um jeden Preis, bis zur eigenen Selbstverleugnung? Es ist wohl eine Mischung aus allem. Eines aber ist gewiss. Mit diesem Schritt gelingt es ihm, sämtliche Heuchler und Bramarbasierer bloßzustellen. Die, die sich des Trittbretts Satire bedienen. Wenn die Satire zur Realität wird, dann bleibt der Satire nur, den entscheidenden Schritt nach vorne zu tun und rücksichtslos Besitz von der Realität zu ergreifen. Und genau das tut Jan Böhmermann. Insofern ist er der einzige und wahre und letzte Satiriker. Dafür gebührt im unser aller Respekt.
Wie uns vor kurzem telefonisch mitgeteilt wurde, möchte sich Jan Böhmermann jetzt doch nicht an die Türkei ausliefern. Ähem. Nun gut, dann lassen wir das mal so stehen. Da der Artikel jetzt schon geschrieben ist, veröffentlichen wir ihn trotzdem.