Ankara, Berlin (AA) – Mit einem Schlag war Ganz Satire-Deutschland über die sozialen Medien vereint: Unglaublich. Unsere Meinungsfreiheit ist in Gefahr! Da unterwirft sich die von uns gewählte, amtierende deutsche Bundeskanzlerin willfährig den Gesetzen eines bei jedem Mucks beleidigten Anatoliers. Allein im letzten Jahr beschäftigten sich türkische Gerichte zu zwei Drittel mit den Beleidigungsklagen des Präsidenten und lediglich zu einem Drittel mit dem ganzen türkischen Rest. Dass er diese zickigen Methoden auch noch über die Hintertür bei uns einführen möchte, mit dem Flüchtlingsdeal als Druckmittel, kann, darf und wollte sich die deutsche Twitter- und Facebook-Öffentlichkeit nicht bieten lassen. Empörung, Aufruhr, ja, sogar tödlicher Ernst schwappte da hoch aus den sozialen Kanälen. Und alle waren gleichzeitig einer freien Meinung: „Raus aus den Biosocken, runter vom Gaspedal, wir demonstrieren jetzt unsere Macht!“ Das ganze Spektrum völkischer (stop, Unwort, besser ist sozialer) Entschlossenheit entlud sich millionenfach über die beiden per meinungsfreier Posts und Tweets.
Schwer gezeichnet ob dieser Wucht der Meinungen, dieser Kavalkade der Entrüstung, gingen sowohl Erdogan als auch Merkel vor dem Flashmob in die Knie. Für viele nicht überraschend verkündeten beide gestern Abend fast gleichzeitig ihren Rücktritt. Beide entschuldigten sich noch- und vielmals in eilends anberaumten Pressekonferenzen für Ihr Fehlverhalten im Angesicht von Facebook und Twitter. Fraglich allerdings, ob ihnen die Community das je verzeihen wird. Intern brütet man schon über die Entwicklung einer Stand- oder Femegerichts-App mit nur einer alternativlosen Abstimmungsmöglichkeit: Schuldig oder schuldig! Selbstredend dass den beiden sämtliche Freunde und Follower entfolgt sowie auch alle Likes und Emojis kassiert und unter satirefreundlichen Mitgliedern aufgeteilt werden.
Wie geht’s nun weiter mit den beiden? Jüngsten Meldungen zufolge sollen sie sich auf einem Flüchtlingsboot eingeschifft haben. Sie befinden sich wohl augenblicklich auf einer Irrfahrt quer übers Mittelmeer. Bei ihrem derzeitigen, labilen psychischen Zustand sind sie wohl die einzigen Flüchtlinge auf dem Boot, die weder gefunden noch gerettet werden möchten. Vielleicht sind sie schon unter den Opfern der jüngsten „humanitären Katastrophe“, mit vermutlich über 600 Ertrunkenen? Eben weil sie das eigene Finden und Gerettetwerden massiv behindert haben? Wer weiß? Die meisten Ertrunkenen gehen unter und werden leider nie gefunden. Ob das jetzt dem Amt für Flüchtlinge in die Hände spielt? Das erfreuliche Zahlen vermeldet, weil die Zahl der ankommenden Flüchtlinge stark gesunken ist? Liegt vielleicht daran, weil eben deren Boote vorher im Mittelmeer vermehrt sinken? Aber über derlei Spekulationen sind wir selbstverständlich erhaben.
Ein Triumph sondergleichen sind die Ereignisse hingegen für Jan Böhmermann. Wo der Kläger perdü, da auch kein rechter Richter! Progressive Kreise in der Türkei, die nach dem Abtauchen Erdoğans wieder Aufwind verspüren, fordern sogar die Staatspräsidentschaft der Türkei für ihn. Den Passus, dass das nur ein Türke sein darf könnte man ja qua Notgesetz aushebeln. Auch die deutschen sozialen Netzwerke begrüßen, analog zur türkischen, eine kommissarische deutsche Kanzlerschaft, solange bis der richtige Kanzler gewählt ist. Mit niemandem anderen als Jan Böhmermann an der Spitze. Da braucht es keine Prognosen, um vorauszusagen, wer diese Wahl im Anschluss gewinnen wird.
Wie wir aus wohlunterrichteten Kreisen wissen, weilt Jan Böhmermann ohnehin derzeit in der Türkei. Er macht dort Urlaub, um sich von den Strapazen der letzten Wochen zu erholen. In einem Kurzinterview äußerte er sich noch einmal zum leidigen Ziegenthema: „Ich musste das hier endlich mal ausprobieren. Man sollte schon wissen, worüber man spricht. Das gehört hier ja quasi zum Lokalkolorit. Ich muss schon sagen: Gar nicht mal so schlecht! Gar nicht mal so schlecht! Bei uns soll es ja auch Etablissements geben, die sowas anbieten. Und wenn nicht in Deutschland, dann geht’s eben ab nach Dänemark. Das ist das Mekka für Zoophile. Eines muss man so einer Ziege ohnehin lassen. Im Gegensatz zum Menschen: Die zickt nicht und meckert nicht so viel rum, wenn man der gemein hinterrücks kommt!“